LINZ. Bei den Linzern Eishockeyspielern und ihrem Präsidenten fielen nach dem 3:2-Overtime-Krimi gegen Graz alle Hemmungen.
Sieben war die magische Zahl in der Weltrekord-Viertelfinalserie gegen bärenstarke Graz 99ers.
Das Schicksal oder der entscheidende Spielzug wollte es, dass mit Brodi Stuart ausgerechnet einer der verborgenen Helden ("Hidden Heroes"), also ein Stürmer aus der vierten Linie, zum Matchwinner für die Steinbach Black Wings im ultimativen Spiel 7 avancieren sollte.
Nach 77:07 Minuten hatte der 25-jährige Kanadier mit seinem Volltreffer zum 3:2-Sieg und zum 4:3-Endstand das letzte Wort. Vorerst. Denn es geht weiter, immer weiter für die "Stehaufmännchen" aus der Stahlstadt, die genau diese Tugenden der harten, unermüdlich kämpfenden Arbeiter zur Schau tragen.
Die Linzer konnten sich nach einem epischen Kraftakt über insgesamt 511 Minuten und 18 Sekunden Eishockey – sechs Verlängerungen inklusive – verteilt auf 14 Tage nur kurz auf ihren Lorbeeren ausruhen.
KAC ohne drei Schlüsselspieler?
Jetzt gilt der Fokus dem ersten Semifinale, das die Schützlinge von Philipp Lukas am Dienstag (19.15 Uhr, Liveticker auf nachrichten.at und ORF Sport+) zum besten Team des Grunddurchgangs führen wird. In der Klagenfurter Stadthalle wartet kein Geringerer als Rekordmeister KAC, der nach dem 4:2 gegen Pustertal zwei Tage mehr zur Regeneration und Vorbereitung hatte.
Dafür sind die Linzer im Flow, sie nehmen es, wie es kommt – Schlag auf Schlag. Auch das macht die Play-offs so speziell. Es wäre ein ausgesprochen günstiger Moment, den Kärntnern, die zuletzt mit Johannes Bischofberger (Saisonende), Nick Petersen und Jan Mursak drei Schlüsselspieler verletzt vorgeben mussten, gleich zum Auftakt das Heimrecht abzuluchsen.
2020 gelang das den Black Wings gegen den KAC sogar zweimal. Damals im Viertelfinale, das abrupt mit einem Lockdown endete. Bei einer deutlichen 3:0-Serienführung des EHC wurde Spiel 4 in der Linz-AG-Eisarena am 10. März 2020 nur wenige Stunden vor dem geplanten Anpfiff wegen der Corona-Pandemie abgesagt und die Saison abgebrochen.
Vorentscheidende Serie?
Heuer kommt es zum sechsten K.-o.-Duell mit den "Rotjacken" seit dem Oberhaus-Einstieg der Black Wings im Jahr 2000. Linz behielt 2003 (mit 3:0) und 2012 (mit 4:1) auf dem Weg zu den bisherigen beiden Meistertiteln die Oberhand, der KAC setzte sich 2009 (mit 4:0) und 2013 (mit 4:2) durch.
Wer übrigens diese Serie gewann, krönte sich später zum Champion. Jetzt werden die Karten neu gemischt: "In unserer Mannschaft gibt einfach keiner auf. Es ist wunderschön, die Leidenschaft, die wir und die Fans an den Tag legen, zu sehen", sagte Stürmer Andreas Kristler: "Wir schauen, dass wir wieder zu Kräften kommen."
Sie gehen immer an die Grenzen
Wie hält ein menschlicher Körper eine dermaßen hohe Intensität wie in der Serie gegen Graz aus?
"Es ist extrem heavy. Die Burschen sind de facto nicht sieben, sondern achteinhalb Spiele unterwegs gewesen – und in jedem davon fast 30, 40 Minuten in der roten Zone", erklärte Sportwissenschafter Bernhard Schimpl.
Was bedeutet das? "Mit einem Puls über 75 Prozent vom Maximum – viel Laktat in den Muskeln." Anlass zur Sorge besteht nicht: "Sie sind grundsätzlich gut trainiert, also werden sie auch gut regenerieren."
Meilenstein einer Entwicklung
Was ziemlich pragmatisch klingt, ist auch eine hochemotionale Angelegenheit. "Ich muss ehrlich gestehen, ich habe geweint", erzählte Black-Wings-Präsident Peter Nader und wischte sich ein Träne aus dem Auge: "Ich weiß, wo wir herkommen vor vier Jahren, da waren wir Stockletzter, tot. Das ist unfassbar. Es gibt viele Neider, aber es bestätigt sich, wenn man seinen Weg geht und überzeugt ist, hat man Erfolg", erklärte der Urfahraner: "Es ist so ein schönes Erlebnis. Ich bin so stolz auf meine Burschen, ich kann es gar nicht ausdrücken. Wir sind eine Familie. Diese Gefühle kannst du mit keinem Geld bezahlen."
Vielleicht kommt noch mehr davon. "Ab Dienstag geben wir wieder Vollgas", so Nader. Das ist auch die Ambition von Stuart: "Es ist so aufregend, es war das wichtigste Tor in meiner Karriere gegen Graz. Wir verdienen es, jetzt im Semifinale zu stehen. Wir freuen uns darauf, wir fühlen uns physisch gut, wir sind gut darin", erklärte jener Mann, der 2022 den Sprung von den (mittlerweile aufgelösten) Steel Wings nach oben geschafft hatte.
Was für ein Aufstieg – auch für Coach Lukas, der ebenfalls aus der zweiten Kategorie kam: "Für mich ist es etwas Besonderes. Es ist das erste Mal unter meiner Führung, dass wir in den Top 4 sind und um den Finaleinzug spielen können. Es wird nicht einfach gegen den Vizemeister (KAC, Anm.)", betonte der 45-Jährige. Nachsatz: "Alles ist möglich." Das untermauert auch die Saisonbilanz von 2:2-Siegen.