Umweltmediziner klärt auf-So hoch ist das Coronarisiko in Eishallen
Gibt es Parallelen zwischen Schlachthöfen und Eishallen beim Übertragungsrisiko von Covid-19? „Ja, aber“, sagt Mediziner Hans-Peter Hutter.
Von Claudia Lepuch | 05.30 Uhr, 20. Oktober 2020
Laut Experten der Berliner Charité waren die hohen Übertragungsaktivitäten in Schlachthöfen, neben den prekären Arbeitsbedingungen, auf die niedrigen Temperaturen zurückzuführen. Während Kälte die Vermehrung vieler Bakterien bremst, wird die Verbreitung von Viren, die Atemwegserkrankungen auslösen, begünstigt. Verschärfend kommt hinzu, dass die Erreger bei niedrigen Temperaturen außerhalb des Körpers deutlich länger überleben. In geschlossenen Räumen fehlt zudem der natürliche, durch Wind herbeigeführte Luftwechsel. Die Ansteckungsgefahr steigt. Die Bedingungen in den Schlachthöfen ähneln jenen der Eishallen, wo im Oberhaus nicht nur der KAC, VSV und die Graz 99ers aktuell um Punkte spielen. 1000 Zuseher sind in der ICE Hockey League nach den neuesten Corona-Verschärfungen zugelassen. Setzen sich diese also einem erhöhten Ansteckungsrisiko aus? Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Universität Wien bringt Licht ins Dunkel.
Zwischen den Bedingungen in Eishallen und Schlachthöfen sind durchaus Parallelen zu ziehen. Geht der Besuch der Arena für Fans mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko einher?
HANS-PETER HUTTER: Zu den Schlachthöfen muss man sagen, dass es dort recht laut war und dementsprechend viel geschrien wurde. Dadurch sind verstärkt Viruspartikel in die Luft gelangt. Die optimalen Bedingungen vor Ort haben für eine schnelle Verbreitung der Kleinsttröpfchen gesorgt. Mit optimal meine ich vor allem die Luftfeuchtigkeit. Liegt diese unter 40 Prozent, können sich die Partikel schneller ausbreiten und deutlich länger überleben. Das liegt daran, dass diese den Wasserdampf in der Luft aufnehmen, dadurch schwerer werden und zu Boden fallen. Bei trockener Luft bleiben sie folglich leichter und verteilen sich schneller im Raum. Treffen diese zwei Faktoren, also Personen, die durch Schreien, Singen oder Husten viele Partikel ausstoßen und eine geringe Luftfeuchtigkeit, aufeinander, ist die Raumtemperatur sekundär.
ZUR PERSON
Hans-Peter Hutter (57), studierte „Landschaftsökologie und Landschaftsgestaltung“ sowie Medizin an der Universität Wien.
Leitet die Umweltmedizinischen Beratungsstelle der Stadt Wien.
Was bedeutet das genau für die Eishallen?
Das Um und Auf ist eine gut funktionierende Belüftung. Idealerweise sollte die Luftfeuchtigkeit nie unter 40 Prozent fallen. Ein Heizungssystem wirkt kontraproduktiv, da es die Luft zusätzlich austrocknet. Allerdings sind die Arenen und für deutlich mehr als die jetzt zugelassene Besucherzahl konzipiert sind. Somit sollten die Belüftungssysteme ausreichen. Natürlich gibt es von Halle zu Halle Unterschiede, die zu berücksichtigen sind. Alter, Bauweise und andere Faktoren beeinflussen die Luftzirkulation. Die Situation ist deshalb für jedes Gebäude neu zu bewerten.
An welche Regeln sollten sich die Fans halten, um das Ansteckungsrisiko weitestgehend zu minimieren?
Es gibt drei Grundregeln: Erstens sollten sich die Leute mit ausreichendem Abstand schachbrettartig im Publikum verteilen. Zweitens ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wichtig, um den Ausstoß von Kleinsttröpfchen zu reduzieren. Das gilt vom Betreten bis zum Verlassen der Halle. Und drittens müssen die Fans ihre Emotionen dämpfen, auch wenn es schwerfällt. Lautes Geschrei, Gejubel sowie Vereinsgesänge erhöhen trotz Maske das Ansteckungsrisiko. Den Veranstaltern und Vereinen fällt die Aufgabe zu, entsprechend auf das Publikum einzuwirken. Also es zu bitten, solche Dinge zu unterlassen sowie ihre Masken zu tragen. Unter dem Motto: „Schaut’s her, wir wollen weiter vor euch spielen. Ihr habt es in der Hand.“
ANSTECKUNGSRISIKO UND LUFTFEUCHTIGKEIT
40 Prozent sollte die relative Luftfeuchtigkeit in Innenräumen zumindest betragen. Ideal ist ein Feuchtegehalt zwischen 50 und 60 Prozent. Bei trockener Raumluft nehmen die von Infizierten ausgestoßenen Viruspartikel weniger Wasser auf,
bleiben leichter, fliegen weiter durch den Raum und werden daher eher eingeatmet.
Die Mannschaften müssen also in Zukunft auf die verbale Unterstützung ihrer Fans verzichten, um weiter vor Publikum spielen zu können?
Auf eine exzessive Unterstützung, ja. Einmal hinter der Maske „super“ zu schreien, wenn ein Tor fällt, ist keine große Sache. Wenn die genannten Regeln eingehalten werden und auf eine ausreichende Raumbelüftung geachtet wird, ist der Besuch der Eishalle sowie anderer Sportveranstaltungen bedenkenlos. Aber noch einmal, Indoorveranstaltungen kann man nicht einfach pauschalisieren. Ich vergleiche das gerne mit einem Arzt, der seinen Patienten für eine Diagnose sehen und untersuchen muss. Derjenige, der ein Präventionskonzept erstellt, ist der Arzt und der Veranstaltungsort sein Patient. Nur wenn er an Ort und Stelle war, sprich die Räumlichkeiten inspiziert und mit den verantwortlichen Personen gesprochen hat, kann er das Risiko einschätzen und Vorkehrungen treffen.
Hans-Peter Hutter © APA/HANS PUNZ
Quelle: https://www.kleinezeitung.at/sport/5884855/…lEUBRvP-0BGPHpk