Eisprinz unorganisiert würde ich nicht sagen. Ich habe 1993 meine DA in Genua gemacht. Da haben sie sich um alles gekümmert (Zimmer, Arbeitsplatz, Mensa, Abholung vom Bahnhof, Aufenthaltsbewilligung etc.). Was uns Italien oft als unorganisiert erscheinen lässt, ist die andere Mentalität. Ich mach ein Beispiel:
Während wir als Studenten am WE einfach so fortgehen, haben die Italiener ihre "companie". Das sind feste Freundesgruppen mit vielen Personen, die regelmäßig ihre Freizeit miteinander verbringen. Die gehen nicht einfach ins Kino. Die compania geht ins Kino - mit 20, 25 Leuten.
Das hat sich damals so abgespielt. Über 30, 40 Minuten hinweg trudeln die Leute ein. Irgendwo sammelt man sich. Es quasseln alle durcheinander. Es gibt das Problem zu lössen, wo die Gruppe sitzen wird (damals gab es freie Platzwahl). Es gibt andere Leute denen das nicht passt, wo die compania besetzt hat. Kurz, es spielt sich das ab, was wir als italienisches Chaos wahrnehmen. Trotzdem sitzen am Ende alle und schauen den Film.
In Wahrheit steckt in diesen companie aber viel soziale Ordnung. Es gibt abgeschottete Gruppen, die kaum jemand aufnehmen. Ich hatte das Glück eine offene Gruppe zu finden. Im Berufsleben später helfen diese sozialen Verbindungen sehr (sagen die Italiener).
Zum Thema andere Mentalität: ich habe das in den ersten Monaten in Genua irre spannend gefunden, das alles zu erleben. Je länger ich dort war, umso mehr ist mir die Hektik dieses Systems auf die Nerven gegangen - ich bin mit der österreichischen Gemütlichkeit aufgewachsen und habe die vermisst.
Als Fazit: ein gibt keine bessere oder schlechtere Mentalität. Es war spannend eine andere kennenzulernen. Es hat mich selbst überrascht, wie sehr ich nach sechs Monaten mich wieder nach der Mentalität meiner Heimat gesehnt habe. Trotzdem, rückblickend möchte ich die Erfahrung nie und nimmer missen und bin den freundlichen Menschen dankbar, die mich damals aufgenommen haben.