Teil 3
Ärztin für Allgemeinmedizin, Oberösterreich:
"Wir wurden zum Abschuss freigegeben"
Seit November werde ich aktiv bedroht: die Adresse meiner Praxis wird in Telegram-Gruppen geteilt, mein Name steht auf Todeslisten. In der schlimmsten Drohung bisher beschreibt jemand, wie er sich unter meine Patienten mischt, um dann mich und meine Mitarbeiter grausam zu töten. Ich habe die Polizei eingeschaltet, aber die glauben nicht, dass sie ihn finden. Er soll aus der rechtsextremen Szene kommen. Sogar die Ärztekammer hat mir geraten, meine Ordination zuzusperren. Aber wir sind mitten in der Pandemie und haben im Bezirk sieben Ärzte zu wenig. Ich habe deshalb einen bewaffneten Sicherheitsdienst für die Ordination, den ich aus eigener Tasche zahle, und meine Mitarbeiter tragen Pfefferspray. Ich fühle mich doppelt verarscht: Zuerst die extreme Arbeitsbelastung, jetzt werden wir mit der Bedrohungslage alleine gelassen.
Dorothee von Laer, Virologin an der Medizinischen Universität Innsbruck:
"Aggressive Mails kommen alle von Männern"
Die Mails kommen immer, wenn ich öffentlich auftrete -mit unterschiedlichem Niveau. Auffallend ist, dass alle aggressiven Mails von Männern geschrieben sind. Drohungen auf Leib und Leben kamen vor allem am Anfang, als ich sagte, Tirol müsse in einen Lockdown gehen. Damals bin ich nur noch mit Perücke durch Innsbruck gegangen. Mittlerweile versuche ich in Interviews, nur virologische Erkenntnisse zu teilen und mache klar, dass es eine gesellschaftliche Entscheidung ist, was dann gemacht wird. Meine persönliche Mailadresse habe ich von der Universitätshomepage genommen. Trotzdem sind es pro Tag rund 20 Nachrichten unter der Gürtellinie. Das steckt man nicht so einfach weg. Außerdem habe ich meinen Hauptwohnsitz ins Burgenland verlegt. Die Anfeindungen in Tirol waren einfach zu groß.
Brigitte Kranzl-Kromp, Volksschuldirektorin in Wien:
"Eltern sind froh, dass das Camp aufgelöst wurde"
Meine Schule und alle anderen Schulen in der Umgebung gehen seit vielen Jahren zum Turnen und Spielen auf die Stadtparkwiese. Im Herbst schlugen aber Gegner der Corona-Maßnahmen ihr Protestcamp dort auf. Als unsere Erstklassler mit Lehrern durch den Stadtpark gingen, hatten manche Kinder eine Maske auf, weil sie es so gewohnt sind. Plötzlich riefen die Protestierenden: "Masken runter! Die Kinder kriegen keine Luft!" Natürlich sind die Kinder erschrocken. Wir haben dann auf das Turnen und Spielen im Stadtpark verzichtet, um unsere Schülerinnen und Schüler nicht in unangenehme Situationen zu bringen. Das war natürlich sehr schade, weil das so ein wichtiger Grünraum für uns ist. Deshalb sind auch Eltern sehr froh, dass das Camp schließlich von der Polizei aufgelöst wurde.
Richard Greil, Vorstand Interne Medizin der Universitätsklinik Salzburg:
"Ich bekam Postkarten mit Henkersmahlzeiten"
Vor etwa einem Jahr hatte ich Fernsehauftritte bei Servus TV, wo ich für die Tatsache eingetreten bin, dass Menschen mehrheitlich nicht mit, sondern an Covid sterben, dass Kontaktbeschränkungen sehr effektiv sind und das Impfen extrem wichtig und notwendig ist. Mir war klar, dass dieser Sender in der Covid-Pandemie eine sehr stark polarisierende Position vertritt, aber ich dachte mir, dass man sich der Verbreitung von Fehldarstellungen gerade in diesen Sendungen entgegenstellen muss. Ich habe seitdem Schmähungen und Drohungen bekommen, an der Außenwand des Krankenhauses, in dem ich arbeite, stand in großen Lettern "Greil, du Killer!". In Online-Postings wurde ich mit dem Nazi-Arzt und Menschheitsverbrecher Dr. Mengele verglichen. Ich bekam Postkarten mit Henkersmahlzeiten und Strick zugeschickt. Es war merkbar, dass das keine aufgebrachten Bürger waren, sondern eine konzertierte Aktion, teilweise auch mit Mails aus dem Ausland. Und es macht einen extremen Unterschied, wo man auftritt. Nach meiner Teilnahme an der Servus-TV-Diskussion waren die Angriffe extrem. Als ich diesen November im ORF aufgrund der angespannten Situation auf den Intensivstationen für einen Lockdown plädierte, bekam ich viel weniger Hassmails.
Intensivpflegerin in einem oberösterreichischen Landesspital:
"Drohen damit, auf die Intensivstationen zu rennen"
Weil viele Leute nicht glauben wollen, dass bei uns so viele Covid-Patienten liegen, drohen sie damit, auf die Intensivstationen reinzurennen und das zu überprüfen. Deshalb sind jetzt bei uns im Spital total viele Securitys und die Polizei fährt mehrmals pro Tag vorbei. Wir haben fast nur Ungeimpfte auf der Station liegen, und natürlich kommen dann deren Angehörige, die auch Impfverweigerer sind, und erklären uns, Corona gebe es nicht und wir sind schuld daran, dass es dem Patienten so schlecht geht. Körperlich bedroht wurde ich noch nicht. Aber in einem anderen Spital haben Angehörige einer Covid-Verstorbenen total randaliert.
Christoph Stark, Bürgermeister von Gleisdorf:
"Es reicht, dass Polizisten vor unserem Haus stehen"
Auf einmal haben wir ein Geschrei und Pfeifen von draußen gehört. Ein Zug von 500 Demonstranten ist vor unser Wohnhaus gezogen. "Wir sind Österreich, wir sind das Volk", haben die Demonstranten gegen die Corona-Maßnahmen gerufen. Und: "Beim nächsten Mal holen wir ihn raus." Die haben es wahrscheinlich eh nicht ernst gemeint, oder sie waren betrunken. Aber da war schon eine Energie, die mich körperlich erfasst hat. Drei Tage später hat meine Frau einen Zettel auf der Auslage ihres Schuhgeschäfts gefunden: "Ihr korrupter Mann spaltet die Gesellschaft. Er muss als Politiker sofort abdanken." Bei der nächsten Demo wollten sie wieder in unsere Straße einbiegen, doch die Polizei hat das Straßenstück gesperrt. Es reicht ohnehin, dass am Freitag und Sonntag, immer wenn bei uns Demonstrationen sind, nun vier bis acht Polizisten vor unserem Haus stehen.