mag sich jemand wieder erbarmen
Keine Unterhosen, eine Aussöhnung mit Raffl und Party-Überstunden
Zuallererst hieß es Ottawa oder ZSC. Mittlerweile durfte der Vorarlberger Vinzenz Rohrer (19) in einer verantwortungsvollen Rolle die Meistertrophäe stemmen. Seine Eindrücke, seine Emotionen, seine Zukunftsgedanken. Mitten im Feier-Getümmel von ZSC: ÖEHV-Stürmer Vinzenz Rohrer legte eine beeindrucke Entwicklung hin
In Zürich herrscht, was man sieht, hört und liest, Ausnahmezustand. Der Klub ist 94 Jahre alt, kürte sich aber erst zum zehnten Mal zum Schweizer Champion. Beschreiben Sie Ihre Eindrücke?
Vinzenz Rohrer: Es herrscht schon eine ganz gute Stimmung (grinst). Vor allem unmittelbar nach dem Spiel sind die Dämme gebrochen. Ich bin noch gar nicht richtig zum Essen gekommen, ich hoffe, es ist ok, wenn ich das nebenbei erledige.
Natürlich. . .
Perfekt. Ja, die Party geht hier richtig ab. Es klingt vielleicht komisch, aber ich habe keinen Tropfen Alkohol getrunken. Im Gegensatz zu anderen. . .
Sie haben mit 19 Jahren den ersten Meistertitel gewonnen. Teamkollege Dennis Hollenstein musste lange darauf warten. Haben Sie das alles bereits realisiert?
Es ist schon ein Wahnsinn. Holle ist zu mir gekommen und meinte, wie glücklich ich mich schätzen darf. Er musste 14 Jahre auf diesen Titel warten. Und mir ist es gleich im ersten Jahr gelungen. In den letzten Tagen wollte ich öfters von den Partys heimgehen. Da hat er immer gesagt: „Nimm das mit, das ist nichts Selbstverständliches.“ Das ist einem vielleicht noch nicht so bewusst.
Es waren so viele neue Eindrücke bei Ihnen dabei. Wie lässt sich diese Saison eigentlich verarbeiten?
Es ist etwas Einzigartiges. Ich habe ja noch lange nicht so viel erlebt, wie etwa andere aus der Mannschaft. Wir hatten eben eine Besprechung. Man blickt zurück auf den Saisonbeginn, als ich abwägen musste: Gehe ich nach Ottawa oder nach Zürich? Ich habe mich für ZSC entschieden. Dann habe ich mich gefragt: Schaffe ich es überhaupt ins Team? Das alles, die ganzen Erfahrungen zu sammeln und am Ende Meister zu sein – das ist schwer zu realisieren.
Wie hat das Ihre Familie erlebt?
Es haben viele mitgefiebert, natürlich Mama, Papa, Bruder. Sogar Freunde, die mit Eishockey nichts am Hut haben. Es waren so viele Gratulationen dabei, das war richtig schön.
In der Schweiz loben Journalisten und Experten Ihre Qualitäten, aber auch Ihre Reife und Lockerheit, die Sie in die Kabine bringen. Und auch die Fans scheinen Sie zu lieben. . .
Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich bin einfach dankbar, dass alles so aufgegangen ist.
Der „Tagesanzeiger“ hat in der Meisterbeilage jeden Spieler porträtiert. Teamkollege Simon Bodenmann plauderte aus dem Nähkästchen. Darin steht über Sie: „Ein Riesenprofi und ein Chaot.“ Sowie: „Er trägt fast nie Unterhosen.“
(lacht) Wie bitte? Was wird da verraten? (lacht) Ok, abstreiten kann ich das aber nicht.
Da steht auch: „Sein Enthusiasmus und seine Unbeschwertheit tun uns gut.“
Ich bin ein Typ, der sehr intensiv spielt und fokussiert bleibt. Aber ein bisschen Spaß muss schon dazugehören, es darf nicht zu steif ablaufen. Da muss auch ich noch lernen, dass so etwas dazugehört.
Sie haben sich extrem lange mit Michael Raffl beim Handshake unterhalten. Verraten Sie, was gesprochen worden ist?
Es war eigentlich eine Art Aussöhnung, wir haben gesagt, dass zwischen uns alles gut ist.
Tatsächlich?
Ja, es waren schon intensive Kämpfe auf dem Eis dabei. Und wir sind uns ja auch oft bei den Bullys gegenübergestanden. Da wurde verbal gegenseitig schon ziemlich ausgeteilt. Jeder, der den Michi kennt, weiß, wie sehr er das Verlieren hasst, wie intensiv er Eishockey lebt. Er ist eine besondere Natur, will alles aus dir herauskitzeln. Ich habe das sicher schwer zu spüren bekommen. Wir haben dann eben gesprochen, dass es zwei verschiedene paar Schuhe sind. Auf dem Eis und abseits davon. Und ich habe gesagt, welch ein großes Vorbild er für mich immer war: Ein Österreicher, der so lange in der NHL gespielt hat. Das ist etwas Besonderes.
Stichwort: NHL. Montreal besitzt die Rechte an Ihnen. Gab es bereits Signale?
Man hatte immer wieder Kontakt. Das längere Gespräch findet erst nach der WM statt. Aber man hat mir bereits gratuliert und ein kurzes Feedback gegeben.
Wie stehen die Chancen, dass Sie in Zürich bleiben?
Ich habe damals für zwei Saisonen unterschrieben, bin noch bis 2025 beim ZSC. Aber ich hätte klarerweise die Möglichkeit, in die NHL zu gehen. Das alles ist aber Zukunftsmusik. Zürich ist aber ein wirklich guter Platz. Es gibt so vieles, wo ich mich verbessern kann und da bietet dieser Klub hervorragende Möglichkeiten. Man kann hier die Leiter emporsteigen, erhält so viele neue Challenges. Wenn was passiert – da soll man sich nicht hineinsteigern. Es kommt, so wie es kommt.
Weil Sie gerade in der Kabine sitzen und Sie sich beim Feiern eher defensiver bewegt haben: Wer hat die dicksten Augenringe?
Natürlich die Ausländer, die waren schon gut dabei. Aber gebremst hat niemand. Vor allem die Älteren wie Hollenstein haben ihren ersten Titel richtig ausgekostet. Die haben gut angezogen.
Von Zürich geht‘s nach Wien. Sie werden schon von Teamchef Roger Bader sehnlichst erwartet. Vorfreude?
Definitiv. Ich bin schon so gespannt, wie die WM in Prag wird. So ein Turnier besitzt ja einen besonderen Flair. Und wir spielen ja auch gegen die Schweiz.