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Entschuldigung, hab nicht beachtet dass es ein plus Artikel ist.
Verschwörer, Verweigerer, Verbreiter
Von Alexander Zens 31. Oktober 2020 04:00 Uhr
WIEN/LINZ. Das Internet und die Coronakrise verstärken die Ausbreitung von teils abstrusen Theorien.
22 Prozent der Österreicher glauben, dass geheime Gruppen eine totalitäre Weltordnung etablieren möchten. 21 Prozent sind der Meinung, dass Juden zu mächtig sind und Regierungen kontrollieren. Das besagt eine Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) und der slowakischen Denkfabrik Globsec unter 1000 Personen.
Verschwörungstheorien florieren in Österreich und international – in der Coronakrise mit ihren Eingriffen der Politik in Grundrechte noch stärker als sonst. Microsoft-Gründer Bill Gates stecke hinter der Verbreitung des Virus und wolle allen Menschen Mikrochips einpflanzen, um sie zu überwachen, lautet eine Theorie. 5G-Mobilfunkmasten hätten das menschliche Immunsystem zerfressen, worauf sich Corona ausbreiten habe können, so eine andere. Bei Demonstrationen mischen sich Verschwörungstheoretiker mit Staatsverweigerern wie dem Staatenbund Österreich, den Reichsbürgern in Deutschland und den Freemen in Großbritannien. Die US-Bewegung QAnon verbreitet seit Jahren Abstruses im Internet, etwa dass eine weltweite satanistische Elite Kinder gefangen halte und ermorde, um aus ihrem Blut eine Verjüngungsdroge zu gewinnen.
Verschwörungstheorien habe es immer gegeben, sagt die Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle von der FH Kärnten: "Das durchgängigste Beispiel ist wohl der Antisemitismus mit Vorwürfen wie der Brunnenvergiftung während der Pest." Auch populistische Bewegungen mit Anti-Eliten-Kommunikation habe es immer gegeben. "Heute ist aber die weltweite Vernetzung über die sozialen Medien leichter und dadurch die Radikalisierung größer." Eine immense Zahl an Falschinformationen jagt heute durch den digitalen Raum.
Krisen und Umbrüche befeuern solche Entwicklungen. Besonders anfällig sind Menschen, die sich bedroht oder benachteiligt fühlen. Von "denen da oben" übergangen zu werden, diese Stimmung nehmen gewisse Personen auf und verstärken sie, oft auch um selbst Macht zu erlangen. Krude Theorien verbreiten etwa in Deutschland der Kochbuchautor Attila Hildmann und der Musiker Xavier Naidoo. "Verschwörungstheorien bieten eine einfache Erklärung für eine unbeherrschbare Situation oder auch einen Schuldigen", sagt Stainer-Hämmerle, die für mehr politische und Medienbildung plädiert: "In der Pandemie solidarisieren sich Impfgegner mit Staatsverweigerern, aber auch mit Bürgerrechtlern und besorgten Eltern in einer Art Anti-Corona-Allianz." Die Versuchung wird für einen wachsenden Teil der Bevölkerung größer. Wer an Verschwörungen glaubt, hat meist Sympathien für autoritäre Führer, das sieht die Politologin als Gefahr für die Demokratie. Natürlich ist aber nicht jede Kritik eine Verschwörung oder ein Angriff auf den Staat. Meinungsunterdrückung ist das andere Extrem, Meinungsfreiheit ein hohes Gut.
Die Geschichte sei voll mit Beispielen von Wissenschaftern, "die zunächst verlacht, als Ketzer abgetan oder ignoriert wurden, deren Theorien sich aber im Nachhinein bewährt haben und wir heute als die richtigeren akzeptieren", sagt Julian Reiss, Leiter des Instituts für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Kepler-Uni Linz (JKU). Dazu zählt der Kampf des Italieners Galileo Galilei gegen die herrschende Lehre. In der Pandemie fallen Entscheidungen in komplexen Situationen der Ungewissheit, wenn Fakten und wissenschaftliche Einschätzungen in verschiedene Richtungen deuten. "Natürlich befeuert so eine Situation auch unterschiedlichste Spekulationen über alle möglichen Dinge von Ursache und Existenz des Virus bis zu Motiven für politische Entscheidungen", sagt Reiss.
OÖN-Serie „Die bedrohte Demokratie“
Demokratie ist nichts Selbstverständliches, sie gehört gepflegt und im besten Fall weiterentwickelt. Politikverdrossenheit, staatsfeindliche Gruppierungen und Zügellosigkeit im digitalen Raum bringen Herausforderungen mit sich. Die OÖNachrichten widmen der Demokratie im Oktober und November eine siebenteilige Serie. Alle Serienteile finden Sie gesammelt auf nachrichten.at/demokratie.
Der oberösterreichische Landtag und die Initiative Wirtschaftsstandort Oberösterreich haben im Juli das „Demokratieforum“ gestartet. Bis Ende des Jahres können Bürger auf der Online-Plattform demokratieforum.at diskutieren. Politiker, Experten und andere Vertreter des öffentlichen Lebens sind dort auch aktiv. Vorschläge münden in ein Grünbuch, das im Landtag behandelt und an den Nationalrat geschickt wird.